Vom 9. bis 12. Oktober nehme ich an der Tagung “Neue Formen wissenschaftlicher Zusammenarbeit durch kollaborative Medien – Wie Wikipedia und andere Wikiprojekte die (Geistes-) Wissenschaften verändern (können)” teil. Die Wikimedia-Veranstaltung wird von der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. gefördert und findet auf dem Gut Siggen in Ostholstein statt. In der ersten Diskussionsrunde ging es es um Wikipedia-Schwesterprojekte, vor allem um Wikisource.
Wikisource ist ein editionsphilologisches Projekt freier Quellen und unterscheidet sich damit in einigen Punkten grundsätzlich von Wikipedia. Das Wiki dient als Werkzeug zur kollaborativen Textedition, indem Digitalisate gesammelt, transkribiert und zweifach korrekturgelesen werden. Die Wiki-Seiten werden anschließend für weitere Bearbeitungen gesperrt. Die deutschsprachige Ausgabe von Wikisource unterscheidet sich darin auch von anderen Sprachversionen: ab 2006 wurden gnadenlos alle Texte ohne zugehörige Scans gelöscht und genaue Editionsrichtlinien für Transkriptionen durchgesetzt.
In der Diskussion zu Wikisource kam unter Anderem der Wunsch auf, aus Transkriptionen bei Wikisource wiederum Editionen in Buchform zu erstellen. Leider ist die Erstellung von Druckformaten wie PDF aus MediaWiki grundsätzlich mangelhaft. Bei bisherigen Projekten wie WikiReader und WikiPress war immer viel Handarbeit notwendig. Problematisch ist auch die Trennung der verschiedenen Wikisource-Projekte nach Sprachen. Gerade bei älteren Sprachen ist die Abgrenzung schwierig und zur Edition von Keilschriften müsste theoretisch erst ein Wikisource-Ableger in Babylonisch erstellt werden. Schwierig ist die Trennung nicht nur für Mitarbeiter und Autoren sondern auch für Leser. Ein Punkt dabei ist, dass WikiSource nicht der eine Zugang zu Digitalisate und Editionen ist und sein wird. Im Englischsprachigen Bereich gibt es zumindest umfassende kommerzielle Datenbanken wie Eighteenth Century Collections Online (ECCO) und Early English Books Online (EBBO) während sich in Deutschland Projekte wie das Zentrale Verzeichnis Digitalisierter Drucke (ZVDD) aufgrund von Kompetenzstreitigkeiten und mangelnder Koordination schwer tun. Vor allem werden dort keine freien Digitalisate und Volltexte geboten. Abhilfe schaffen kann die Einhaltung der Wikimedia-Empfehlungen für Rechte bei Digitalisierungsprojekten und der technischen Vorgaben des DFG-Viewers.
Eine weitere Empfehlung an Wikisource war, dass die maßgeblichen verantwortlichen Bearbeiter der Textedition stärker als Autoren oder als Herausgeber herausgestellt werden sollten. Dies ist sowohl für die Zitierung von Wikisource als Quelle als auch für wissenschaftliche Mitarbeiter von Bedeutung, die ihre Editionsarbeit in Wikisource bislang nicht in ihren Publikationslisten aufführen können. Vielleicht lässt sich sowas ja mit Hilfe der Funktion der geprüften Versionen realisieren. Neben der Autorennennung fehlt oft auch eine Erläuterung der Editionsarbeit (wie und wann ist man zum Digitalisat gekommen, wer hat mitgearbeitet, welche Schwierigkeiten traten auf etc.). Eine Funktion zur einfachen Ermittlung der Autorenschaft an einzelnen Artikeln wäre übrigens auch für Wikipedia von Interesse, denn die Versionsgeschichte ist nicht nur unbekannt sondern auch unübersichtlich.
Zusammengefasst ist Wikisource zur Zeit zwar noch etwas unübersichtlich und weist an verschiedenen Stellen Schwierigkeiten auf, aber es hat den ungeheuren Vorteil, direkt und tatsächlich frei verfügbar zu sein, während man bei vergleichbaren Projekten wie TextGrid vor lauter Arbeitspaketen, Politanwendungen und Fachbeiträten die eigentlichen Inhalte und Arbeiten nicht findet.
Nach der ersten Pause ging es weiter mit einer Fortsetzung der Diskussion um Formen der Autorenschaft in Wikis sowie um Wikibooks, Wikiversity, Wiktionary, Omegawiki etc.
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Das erste deutschsprachige Buch zum Thema Social-Tagging ist diese Woche im Waxmann Verlag erschienen: Birgit Gaiser, Thorsten Hampel, Stefanie Panke (Hrsg.):