by
Psammy
Mir ist aufgefallen, dass ich seit der Nacht der zerbrochenen Vasen weniger vor mich hin summe und statt dessen mehr nachdenke. Manche Dinge haben sich eben verändert. Oder vielleicht haben sie sich gar nicht verändert, sage ich mir, ich merke nur jetzt, dass sie mehr Facetten haben, als ich bisher dachte. Genau wie ich selbst.
Juan macht sich so seine Gedanken, denn seit der “Nacht der zerbrochenen Vasen” weiß er, dass seine Eltern sich trennen werden. Im Sportunterricht steckt ihn die Lehrerin nun in die andere Mannschaft, in die mit den Kindern aus “auseinandergebröckelten Familien”. Das ist die Mannschaft, die immer verliert. Juan ist nun auch ein Verlierer.
Den Malunterricht und das Basketballtraining muss er aufgeben. Der einzige Lichtblick ist seine große Schwester, die hochbegabt ist, schwierige Bücher liest, anspruchsvolle Filme guckt und immer die richtigen Worte findet. Eigentlich ist Juan auch hochbegabt, aber daran kann er nicht glauben. Er hat genug damit zu tun, seine gefühlte Unsichtbarkeit zu verkraften.
Die Vergänglichkeit des Glücks macht ihm schwer zu schaffen, wenn er an seine fröhlichen Kindertage zurück denkt. Alles ändert sich und man kann es nicht aufhalten. Innen und außen ist plötzlich alles fremd.
Der abwesende Vater, der als Ingenieur “ganz Afrika asphaltieren muss”, droht nun ganz verloren zu gehen. Wie viel besser haben es doch die Kinder der Massai, denn dort kennt kein Kind seinen Vater. Massai-Kinder haben viele Väter, aber keine richtige Familie. Was ist überhaupt eine “richtige Familie”?
Das Buch hat ganz wenig Handlung, aber viel Seele und Herz. Es ist ein feines, leises Buch. Die Kinderperspektive ist stimmig und sensibel erzählt. Dabei geht es nicht nur um die Scheidungsproblematik, Juan denkt auch über alles nach, was seine Gedanken sonst so kreuzt.
Zum Beispiel ob er ein anderer wäre, wenn er ein anderer wäre. Oder ob es stimmen kann, dass es keine zwei genau gleichen Menschen auf der ganzen Welt gibt, auch nicht in der Vergangenheit. Oder ob man sich schämen muss, ein Lineal zu besitzen, nur weil Kinder in Afrika keins haben. Oder wie es wäre, wenn man seine Augen und Ohren abnehmen könnte. Oder wie jemand unsterblich sein kann, der jung stirbt. Dann ist da natürlich noch die Sache mit den Hürden:
Ist es besser, über die Hürde zu springen, als nicht zu springen? Ist jemand, der es über alle Hürden der Welt schafft, besser als jemand, der nur ein paar überspringt? Und wenn einer nicht drüber kommt, wer ist dann dran schuld?
Juan, der glaubt, nur im Normalsein hochbegabt zu sein, denkt und denkt und denkt. Und man könnte ihm noch stundenlang beim Denken zulesen, wenn das kleine Büchlein aus ist. Die 135 kurzen Seiten reichen leider nur für einen halben Nachmittag, aber den sollte man sich nicht entgehen lassen. Tolles Buch!
Ich werde es sicherlich noch mehrmals lesen, damit ich eins nie vergesse: alles ist vergänglich, auch die Traurigkeit.
Das Buch ist in der Stabi nicht vorhanden, es würde mich aber sehr freuen, wenn es angeschafft werden könnte.